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Aufstieg oder Niedergang. Deutschland zwischen Mittelalter und Postmoderne. Hamburger Studien, Bd. 4. Noderstedt (BOD) 2008.
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Deutsche Policy opf Pretention. Der Abstieg eines Kriegerstaates, 1871-1914
Barnimer Bürgerpost die unabhängige Leserzeitung NR. 190 ·16.JAHRGANG · AUSGABE 11 / 2010 VOM 3. DEZEMBER 2010 · ERSCHEINT MONATLICH · 1 EUR
buchtip 14
Der Abstieg eines Kriegerstaates
Heute werden Kriege demokratisch geführt. Über den Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch und anderswo entscheidet offiziell der Bundestag – wenngleich gegen den ausdrücklichen Willen der Mehrheit des deutschen Volkes. Wer die aktuelle politische Weltlage in ihrer ganzen Explosivität begreifen will, der muß sich mit der europäischen Krise des Jahres 1914 beschäftigen. Unheilvolle Parallelen drängen sich dabei auf.
Wichtige Entscheidungen fielen damals ganz in der Nähe von Eberswalde. »Im Juli 1914 berührte die deutsche Reichspolitik Hohenfinow«, heißt es dazu in der Ortschronik von Hohenfinow, die 2007 anläßlich 750. Ortsjubiläums erschien. Der Hohenfinower Gutsherr Theobald von Bethmann Hollweg war seit 1909 Reichskanzler. Im Juli 1914 war die Reichsregierung im Sommerurlaub und Bethmann Hollweg weilte auf seinem Schloß in Hohenfinow. Über eine Telegraphenstation im Schloß hielt er den Kontakt mit Kaiser Wilhelm II., den Regierungsstellen in Berlin und der Militärführung. »Akten wurden von und nach Berlin zur Bearbeitung gesandt. Des Reichskanzlers Expreßzug stand im Bahnhof Niederfinow bereit.« Am 25. Juli 1914 verließ Bethmann Hollweg Hohenfinow. Am 1. August proklamierte Wilhelm II. die Generalmobilmachung…
Ein 2009 in zweiter Auflage erschienene Aufsatzband aus dem Jahr 1983 über die deutsche Hegemonialpolitik liefert komplexe Einsichten zur Vorgeschichte und zu den Ursachen des Ersten Weltkriegs. Dabei wird das teilweise verwirrende Spektrum des innenpolitischen Kräftespiels im Deutschen Reich akribisch herausgearbeitet. Autor ist der Historiker und Publizist Bernd F. Schulte, ein Schüler des berühmten Hamburger Zeitgeschichtlers Fritz Fischer. »Dieser Band faßte 1982/83 jene Fragen und Antworten zum Forschungsstand ›Erster Weltkrieg‹ zusammen, die in der damaligen westdeutschen Geschichtsschreibung nicht zur Kenntnis genommen wurden«, heißt es in der Vorbemerkung zur Neuauflage. Die von Schulte in seiner Einleitung zur Erstauflage konstatierte »Tendenzwende innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft, weg von einer progressiven Interpretation (Theorie-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte) zurück zu der traditionellen, neubelebten Diplomatiegeschichte alter Prägung in einer ›neuen politischen Geschichte‹, unter Verwendung modisch gewordener Versatzstücke aus der Politikwissenschaft (›Polykratielehre‹)«, hat längst, spätestens aber im Gefolge der Abwicklung der DDR-Geschichts-Wissenschaft, alle Bereiche der historischen Forschung erfaßt. Die offiziöse »historische Analyse«, die sich in Schultes Worten 1983 noch »anschickt(e), in die Diktion apologetischer, letztlich das Schicksal bemühender Erklärungsversuche zurückzufallen«, hat diesen Anpassungs- und Verfallsprozeß inzwischen weitgehend vollzogen. Ausgangs- und Orientierungspunkt von Schultes Aufsätzen bildet die sogenannte Fischer-Kontroverse der 1960er Jahre. Fischers Arbeiten beruhten auf akribische Quellenrecherchen, vor allem der gründlichen Auswertung der Akten des Auswärtigen Amtes und der Reichskanzlei. Im Potsdamer Zentralarchiv war er auf das »Septemberprogramm« des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg aus dem Jahr 1914 gestoßen, das in Erwartung eines raschen deutschen Sieges weitreichende Annexionen in Frankreich und den Beneluxstaaten sowie koloniale Inbesitznahmen in Zentralafrika vorsah. Dieses Programm, schrieb Fischer, stellte »keine isolierten Forderungen des Kanzlers dar, sondern repräsentierte Ideen führender Köpfe der Wirtschaft, Politik und des Militärs«, die darin formulierten Richtlinien seien »im Prinzip Grundlage der gesamten deutschen Kriegszielpolitik bis zum Ende des Krieges« gewesen (Griff, Sonderausgabe 1967, S. 95). Fischer widersprach damit der damals in der BRD verbreiteten Auffassung, Deutschland sei rein defensiv in den Krieg »hineingeschlittert«.
Wie Bernd F. Schulte nachweist, lief das Konstrukt der »Policy of Pretention«, der deutschen Hegemonialpolitik, seit 1905 nahezu zwangsläufig früher oder später auf einen Kriegsentschluß hinaus. Vor dem Hintergrund des militärischen Zusammenbruchs der Türkei im 1. Balkankrieg 1912 wurden die Weichen endgültig auf einen Krieg ab 1914 gestellt. Bereits am 20. Januar 1913 stellte der Generalstab den »Aufmarschplan Deutschlands« in einem Dreibundkrieg fertig. Im Juni 1913 folgte die »Große Heeresvermehrung«, nach Schulte nichts anderes als die »Vorbereitung der Armee für den großen Krieg mit den Flügelmächten Frankreich und Rußland und damit zugleich für den europäischen Krieg, der in neunzig Prozent zum Weltkrieg führen würde«. (S. 37)
»Nicht ausschließlich Wilhelm II.«, das zeigen laut Schulte »die Quellen zu den Krisenkonferenzen in Springe und Berlin, sondern der Verbund von Politik und den Kräften der kaiserlichen Umgebung, das heißt des Hofes (mit ›Maison Militaire‹), der Militärs, aber auch der Vertreter der ›pressure groups‹ aus Industrie, Landwirtschaft und Bürokratie bestimmten den Kurs der deutschen Politik.« (S. 344) Völlig widersinnig sei daher die dem traditionellen Ansatz zugrundeliegende Annahme, »die ›au fond‹ friedensliebenden Führungseliten des Kaiserreichs seien unter dem Druck einer kriegswilligen Öffentlichkeit letztlich zum Kriege gezwungen worden«, urteilt derAutor und schließt: »Eine solche Geschichtsschreibung stellt die historische Wirklichkeit auf den Kopf.« (ebd.)
In weiteren Aufsätzen geht Schulte der Frage nach, warum das Deutsche Reich im Weltkrieg nicht den von den Führungseliten in Wirtschaft, Militär und Politik erwarteten militärischen Erfolg erzielte. Laut Schulte ist dies insbesondere in den tiefer liegenden strukturellen Defiziten des deutschen Staatswesens und dessen Streitkräften – etwa hinsichtlich Ausbildungsstand und Waffentechnik – begründet. In überlebten gesellschaftlichen Strukturen erstarrt, habe die politische und militärische Führung die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Ein nur mittelmäßiges Management habe schließlich Fehlschläge wie die Marneschlacht verursacht, die irreparabel waren. Den Fokus richtet der Autor auch auf den – angesichts von Staatsstreich-, Anarchismus-, Streik-, Revolutions- und Bürgerkriegsdrohung – von den kaiserlichen Militärbehörden immer schärfer konturierten Sicherheitsaspekt, der im Hinblick auf die deutschen Kriegsvorbereitungen analysiert und ausgeleuchtet wird.
Dieser Beitrag beruht maßgeblich auf der Rezension
von
ALEXANDER BAHAR
in der Tageszeitung
»Junge Welt« vom 1. September 2010
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