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Zarli Carigiet

    «Heissi Marroni! Marroni ganz heiss», lautet der Refrain eines seiner bekannten Lieder. Es handelte vom Niedergang des italienischen Diktators Mussolini. «Hani doch dihei famiglia, wott i nid go in Sicilia, sterbe so wie Haas im Klee, und Bambini nümma gseh», singt der Marronibrater: Zarli Carigiet.

    Älteren ist er in Erinnerung: Wuschelkopf, Zahnlücke, eine klangvolle, manchmal meckernde Stimme. Es gab nur einen Zarli. Ein Kabarettist, dessen Stern im Cabaret Cornichon zur Zeit des Zweiten Weltkrieges aufging. Geboren 1907 in Trun, als zehntes von elf Kindern, Balthasarli, wie ihn die Geschwister riefen. Er fing eine Lehre als Dekorationsmaler an, zog mit 19 nach Zürich, wo sein Bruder Alois (der spätere Illustrator des «Schellen-Ursli») als Bühnenbildner tätig war. Bald stand Zarli selbst auf der Bühne.

    Über diesen Bühnendarsteller hat die Witwe Doris Carigiet-Eberli ein Buch publiziert. Keine tiefschürfenden Analysen, keine langatmigen Erzählungen. Eigentlich mehr eine Zusammenstellung von Bildern, Liedtexten und einigen Erinnerungen. Es enthält nicht fundamental Neues über jenes Cabaret, das ein schweizerisches volkstümliches Theater sein wollte. Man liest noch einmal die wunderbaren Texte von Walter Lesch und Max Werner Lenz: «Unedure bin ich en Soldat, obedure meh es Püürli.» Präsentiert vom Aktivdienstsoldaten Zarli Carigiet. Carigiet allerdings erscheint hier in einem neuen Licht. Texte auswendig lernen war für ihn ein Graus. «Dä Bandwurm? Für mi? I kumma verruckt!» Vermutlich war er Legastheniker. Bühnendeutsch konnte er ohnehin nicht. Personen darzustellen, die er selber nicht war, machte ihm Mühe. Wenn er zum Bühnenstar wurde, so nicht wegen seiner Verwandlungsfähigkeit. Sondern weil die Zeit ein Urgestein wie ihn brauchte.

    Carigiets Glanz verblasste nach dem Ende von Krieg und Cabaret Cornichon. Gewiss bestritt er weitere Engagements in Theater, Film und Radio. Gewiss sind einige Stationen der Erinnerung wert: das Cabaret Federal. Der Versuch, als Einmanntheater auf Tournee zu gehen. Sein Auftritt im Musical «Eusi chliini Stadt», in welchem er das populär gewordene Lied «Miis Dach isch dr Himmel vo Züri» trällerte. Doch seine Zeit war vorbei. Er wusste es.

    Er erlebt einen Zusammenbruch bei einer Filmaufnahme. Verfiel in Depressionen. Erlitt einen Autounfall, bei dem er bewusstlos liegen blieb. Weilte zwei Monate in der Klinik Littenheid. Dann zog sich Carigiet zurück in seine Heimat Surselva und hielt sich an seinen Bruder Alois. Auch für seine Frau wurde er offenbar immer unzugänglicher, die Autorin schreibt von «Entfremdung». So spiegelt das harmlos auftretende Erinnerungsbuch das Drama eines Kabarettisten, der vereinsamte und verloren ging.
Gefunden in der NZZ am Sonntag/Autor Willi Wottreng

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