Exakt, wie vorhergesagt
Der Kommandant der Schweizer Luftwaffe, der nach dem Bootsunfall auf der Kander vor die Medien getreten ist und mit einer Ehrlichkeit, die von der Politik nicht verstanden wird, gesagt hat, er verstehe nicht, was die Flugsicherheit auf dem Wasser zu suchen habe, muss, wie secondlitart es vorhergesagt habt, zurücktreten. Und zwar seiner Ehrlichkeit wegen und nicht etwa, weil er irgendwelche Fehlleistungen produziert hätte. Aber der Schweizer Verteidigungsminister und sein Geselle, Armeechef Roland Nef, brauchen einen Schuldigen.
anaximander - Fr, 20.06.2008 22:29 - Kommentar verfassen
- 0 Trackbacks - 1 Kommentar
- Mehr zum Thema Schweiz























Grosses Problem:Die Kaderselektion in der CH-Armee
Falsches Ausbildungs-Konzept
fordert Opfer
Von Ulrich Schlüer, Chefredaktor «Schweizerzeit»
Mit der Reform «Armee XXI» wurde das während Jahrzehnten bewährte, wohldurchdachte Ausbildungskonzept der Schweizer Milizarmee vollständig umgekrempelt. Der Milizoffizier wurde von jeglicher Ausbildungs-Verantwortung befreit. Ausbildung müsse künftig «professionell» vermittelt werden.
Bis vor wenigen Jahren hatten neue Kompanie-Kommandanten und Zugführer während des Abverdienens das Ausbilden der Mannschaft einzuüben. Die in neuer Funktion dienenden Offiziere wurden während der Länge einer ganzen Rekrutenschule gründlich darin ausgebildet, wie Mannschaft auszubilden ist, damit sie die von ihr erwartete Leistung schliesslich erbringen könne.
Ausbildung als Ausbildner
Die in ihre neue Funktion hineinwachsenden Offiziere waren in dieser Ausbildungszeit aber nicht einfach auf sich selbst gestellt - sie wurden kontrolliert und begleitet von erfahrenen militärischen Lehrern, den Instruktoren. Während des Abverdienens lernten sie, was Untergebenen zumutbar ist, welches ihre Lernkapazität ist, wie mit ihnen umzugehen ist, auf dass sie zur tüchtigen, ihren Auftrag erfüllenden Truppe zusammenwuchsen.
Und, entscheidend: Der junge Offizier lernte mit der Verantwortung des Ausbildners den Auszubildenden gegenüber umzugehen. Er sammelte dazu umfassende Erfahrung, auf die er sich später als Kommandant im Wiederholungskurs stützen konnte. Insgesamt ein Ausbildungs-Konzept, das gleichsam massgeschneidert auf die Schweizer Milizarmee ausgerichtet war und das sich jahrzehntelang bestens bewährt hat: Der junge militärische Führer lernte im Angesicht der ihm anvertrauten Mannschaft seine Verantwortung als Ausbildner von Grund auf kennen.
«Lehrlinge bilden Lehrlinge aus»
Dieses bewährte System kam vor rund zehn Jahren in Verruf. Die Reform-Architekten von «Armee XXI» - gefangen von als überlegen bewunderten ausländischen «Vorbildern» - begannen über das Schweizer System zu spötteln: Ein Konzept «Lehrlinge bilden Lehrlinge aus» hätte in einer «modernen» Armee nichts mehr zu suchen, sagten sie. Ausbildung müsse durch Profis vermittelt werden.
Der Chef VBS folgte - trotz nachdrücklich vorgebrachter Warnungen aus verschiedensten Kreisen, nicht zuletzt seitens erfahrener Offiziere - den Neuerern. Die angehenden Miliz-Kommandanten wurden von jeglicher Ausbildungs-Verantwortung befreit. Ausbildung ist in der «Armee XXI» ausschliessliche Domäne von Berufsoffizieren.
Indem Miliz-Kommandanten fortan nur Einsätze zu kommandieren hätten, glaubte man, den Weg zum Offizier zeitlich entscheidend abkürzen zu können. Das ist zwar gelungen. Die Folgen dieser Neuerung wurden allerdings zu wenig bedacht. Der tödliche Unfall auf der Kander ruft diese Folgen jetzt auf alarmierende Weise in Erinnerung.
Ausbildungs- und Einsatzverantwortung
Wer persönlich Verantwortung trägt für die Ausbildung seiner Einheit, der lernt diese Einheit offensichtlich weit besser kennen als der, der ihr nur als Kommandant für Einsätze vorangestellt wird. Gerade für militärische Einheiten, die gegebenenfalls äusserst schwierige, ja lebensbedrohliche Einsätze zu leisten haben, ist auf gemeinsamer Erfahrung beruhendes Vertrauen zwischen Führung und Mannschaft unabdingbar. Das wurde gegenüber jenen VBS-Technokraten, die für die «Armee XXI» Ausbildungs-Verantwortung und Einsatz-Verantwortung mutwillig entzweiten, mit gebührendem Nachdruck wiederholt angemahnt - freilich vergeblich.
Es geht beileibe nicht darum, Berufsoffiziere gegen Milizoffiziere auszuspielen. Auch damals, als Ausbildungsverantwortung und Einsatzverantwortung für den Miliz-Kommandanten noch ungeteilt galten, spielte der Instruktor als militärischer Lehrer eine zentrale, unverzichtbare Rolle. Die Rolle, die nur der Instruktor übernehmen konnte: Er beaufsichtige den selbst sich in Ausbildung befindenden jungen Offizier, der seinen neuen Auftrag als Ausbildner der ihm untergebenen Mannschaft anzupacken und zu erfüllen hatte. Dabei wurde für den Instruktor nicht zuletzt deutlich, welcher junge Kommandant ein verantwortungsbewusster, umsichtiger und fähiger militärischer Führer war - und wer sich als draufgängerischer Rambo glaubte profilieren zu können. Im neuen Ausbildungs-Konzept, wie es im Rahmen von «Armee XXI» eingeführt wurde, kann dies erst im Rückblick erkannt werden - dann, wenn im Einsatz verhängnisvolle Fehler Tatsache geworden sind…
Das ist die Lehre, die aus dem tödlichen Unfall auf der Kander gezogen werden könnte. Im Angesicht von fünf tödlich verunglückten Schweizern gezogen werden müsste.
Die Schuldfrage
Klar ist: Die unmittelbare Verantwortung für einen konkreten Militäreinsatz trägt jener Offizier, der den betreffenden Einsatz angeordnet und befohlen hat.
Dies befreit jene, die ein bewährtes, durch und durch miliztaugliches Ausbildungs-Konzept mittels Diffamierungen nach der Art «Lehrlinge bilden Lehrlinge aus» mutwillig verspottet und zerstört haben, aber nicht von Mitverantwortung. Mitverantwortung dafür, dass heute Kommandanten, die keine Ausbildungs-Erfahrung während ihrer eigenen Ausbildungszeit sammeln können, Truppen-Einheiten zu befehligen haben.
Es war die VBS-Spitze, es war Departements-Vorsteher Bundesrat Samuel Schmid, der, geblendet von in der Nato für Berufsarmeen entwickelten Ausbildungs-Konzepten, das schweizerische, massgeschneidert auf unsere Milizarmee ausgerichtete Ausbildungs-Konzept mutwillig über Bord geworfen hat. Mit den jetzt sichtbar werdenden Folgen. Nicht nur der verantwortliche Kommandant des Kander-Einsatzes ist für diese Folgen zu belangen. Auch jene sind schuldig, die dem nun in Strafuntersuchung stehenden Kommandanten verunmöglicht haben, rechtzeitig jene Erfahrung zu sammeln, die ihn, wenn er sie hätte nutzen können, möglicherweise dazu gebracht hätte, das Kander-Abenteuer nicht zu riskieren…
Ulrich Schlüer
Quelle: Brisant vom 20.06.2008