Herzinger zu Enzensberger 80.
Warum ich mir Enzensberger nicht anders als jung vorstellen kann, erklärt uns Richard Herzinger in einem Artikel, der uns von E.S. zugesandt worden ist.
- Hans Magnus Enzensberger wird heute 80? Dabei kann es sich doch wohl nur um einen Scherz handeln. Denn ich kann mir Enzensberger nicht anders als jung vorstellen. Ich kenne keinen anderen Autor, dessen Sätze – über welches Thema er auch schreibt – Gedanken in gleicher Vollkommeheit so aussehen lassen, als seien sie soeben erst auf die Welt gekommen, und als habe sie noch niemals ein anderer Mensch gedacht, die dabei aber so gänzlich unverschnörkelt lapidar formuliert sind. Und das auch dann, wenn diese Gedanken bei näherem Hinsehen keineswegs so originell und tragfähig sind, wie sie in Enzensbergers glänzender sprachlicher Präsentation und Präzision wirken. Eigentlich kommt seine Essayistik nämlich mit einem relativ einfachen philosophischen Grundgerüst aus, das er je nach historischer Situation effektvoll zu variieren weiß - wie ich selbst einmal in einem ZEIT-Essay von 1996 festgestellt habe:
...bei genauerem Hinsehen erkennt man, daß der scheinbar so wetterwendische Denker seit Jahrzehnten mit einem Kernbestand aus einigen festen Grundüberzeugungen auskommt, die er mit großem Geschick auf die jeweils wechselnden politischen Konstellationen anzuwenden versteht.,Einer der Kerngedanken besagt, daß geschichtliche Prozesse nicht nur nicht vorhersagbar, sondern auch prinzipiell unkontrollierbar seien. In einem Beitrag für das Kursbuch hat er 1978 der geschichtsgläubigen Linken ins Stammbuch geschrieben, „daß es keinen Weltgeist gibt; daß wir die Gesetze der Geschichte nicht kennen; (. . .) daß die gesellschaftliche wie die natürliche Evolution kein Subjekt kennt und daß sie deshalb unvorhersehbar ist; daß wir mithin, wenn wir politisch handeln, nie das erreichen, was wir uns vorgesetzt haben, sondern etwas ganz anderes (. . .); und daß die Krise aller positiven Utopien eben hierin ihren Grund hat”. Damit wollte Enzensberger der selbstmitleidigen Klage der Linken über die angeblich utopielose Gegenwart den Boden entziehen. Aber seine Einsicht von 1978 war keineswegs neu. Sie findet sich bereits in seiner 1968 im Kursbuch veröffentlichten, zweiteiligen politischen Aphorismensammlung “Berliner Gemeinplätze”. Damals richtete sich sein Argument jedoch gegen die Apologeten der bundesdeutschen Wirtschaftswunder-Gesellschaft, die den revolutionären Forderungen der Studentenbewegung “mit dem auftrumpfenden Hinweis auf die ,Wirklichkeit’” begegneten. “Dieser Realitätsbegriff”, so hielt Enzensberger dagegen, “geht von der Fiktion aus, als sei der historische Prozeß prinzipiell vorherseh- und kontrollierbar.”
Als 1989 der unerwartet schnelle Zusammenbruch des Kommunismus zu kaum für möglich gehaltenen weltpolitischen Umwälzungen führte, sah sich Enzensberger in seiner alten Einschätzung bestätigt, und er wiederholte, im neuen Kontext, seine These von 1968 und 1978. In einem weiteren Essay, wieder im Kursbuch, erklärte er 1990, die jüngsten Entwicklungen in Europa seien der Beweis für die grundsätzliche Ohnmacht der Politik und der Politiker: “Der tölpelhafte Eindruck, den die Regierungen angesichts der jüngsten Veränderungen in Europa machen, ihr hilfloses Auftrumpfen ist (. . .) keine zufällige Peinlichkeit (. . .); er folgt aus der prinzipiellen Unmöglichkeit, den gesellschaftlichen Prozeß vorherzusehen, einem allgemeinen Kalkül zu unterwerfen und von oben her zu beherrschen.”
Man kann dies noch an zahlreichen anderen Texten Enzensbergers belegen. Mancher hat diese meine Analyse damals als einen bösen Angriff auf Enzensberger missverstanden. Dabei enthielt sie auch ein großes Kompliment: Die Anerkennung der Kunst eines großen Stilisten, der es als seine wichtigste Aufgabe ansieht, mit Gedanken, selbst wenn sie nicht mehr ganz taufrisch sind, auf keinen Fall zu langweilen, und sie selbst da, wo Wiederholungen unvermeidlich sind, auf keinen Fall als Wiederholung erscheinen zu lassen. Die weit verbreitete Kritik, Enzensberger sei wetterwendisch und ändere seine Meinung je nach Konjunktur, geht daher an ihrem Gegenstand vorbei. Mag sein, dass seine wechselnden Ansichten etwas Frivoles, Dandyhaftes an sich haben, vor allem sind sie aber einem übergreifenden Ethos verpflichtet: Auf keinen Fall immer wieder dasselbe zu sagen, da ein Gedanke, der nicht beim ersten Male klar genug hingestellt wurde, um sofort verstanden zu werden, keinen Wert mehr hat. Dies erklärt auch eines der problematischsten Kapitel in Enzensbergers intellektueller Biografie: seinen Unwillen, sich mit seiner Rolle in der 68er-Bewegungen auseinanderzusetzen, die keineswegs immer so nebensächlich und nur „beobachtend“ war, wie er es gerne wahrhaben möchte. Aus seinem Abwehrreflex, über diese Zeit zu reden, spricht wohl das Erschrecken, sich einmal doch festgelegt zu haben, einmal doch die Sphäre des schwebenden Seismographen verlassen zu haben und einer absurden Sache aufgesessen zu sein.
Das aber widerspricht im Grunde dem Kern seiner intellektuellen Natur, die darauf aus ist, die Spur zu verwischen, mittels der er als ein ideller Überzeugungstäter oder Moralist dingfest gemacht werden könnte. Einer zu sein, der einer Sache verpflichtet ist, steht nämlich im Gegensatz zu seiner genannten Grundüberzeugung, dass die Zukunft eine einzige Täuschung sei, die allenfalls das Gegenteil des Gewollten, wenn nicht das blanke Chaos bereithält. Enzensbergers Pathos ist daher das des Zerstörens oder doch zumindest des Störens von Illusionen, aber nicht, um an deren Stelle eine andere, illusionäre Gewissheit zu setzen, sondern um der Zerstörung der Illusion selbst willen.
Ganz von selbst bin ich auf diesen Geistesblitz freilich nicht gekommen. Über Enzensberger ist nämlich unendlich viel geschrieben worden, aber kein Text kommt ihm so nahe wie jener kurze Essay von Walter Benjamin, der unter dem Titel „Der destruktive Charakter“ 1931 erschienen ist – lange also, bevor es auf Erden eine Spur von Enzensbergers gab. Benjamins Essay erklärt nicht nur, warum der Versuch, Enzensberger zu wörtlich beim Wort zu nehmen, ins Leerre laufen muss, sondern auch, warum ich mir Enzensberger nicht anders als jung vorstellen kann – und es erklärt nebenher auch, warum der Schriftsteller Enzensberger als Lyriker, Erzähler und Essayist zwar zahlreiche Kleinodien deutscher Sprache, aber nie DAS eine große Werk geschaffen hat, das seinen Platz in der literaturgeschichtlichen Unendlichkeit beanspruchen könnte. Hans Magnus Enszensberger ist (natürlich nur im ideellen Sinne!) der destruktive Charakter:
„Der destruktive Charakter kennt nur eine Parole: Platz schaffen; nur eine Tätigkeit: räumen. Sein Bedürfnis nach frischer Luft und freiem Raum ist stärker als jeder Haß. Der destruktive Charakter ist jung und heiter. Denn Zerstören verjüngt, weil es die Spuren unseres eigenen Alters aus dem Weg räumt; es heitert auf, weil jedes Wegschaffen dem Zerstörenden eine vollkommene Reduktion, ja Radizierung seines eignen Zustands bedeutet. Zu solchem apollinischen Zerstörerbilde führt erst recht die Einsicht, wie ungeheuer sich die Welt vereinfacht, wenn sie auf ihre Zerstörungswürdigkeit geprüft wird. Dies ist das große Band, das alles Bestehende einträchtig umschlingt. Das ist ein Anblick, der dem destruktiven Charakter ein Schauspiel tiefster Harmonie verschafft.
Der destruktive Charakter ist immer frisch bei der Arbeit. Die Natur ist es, die ihm das Tempo vorschreibt, indirekt wenigstens: denn er muß ihr zuvorkommen. Sonst wird sie selber die Zerstörung übernehmen.
Dem destruktiven Charakter schwebt kein Bild vor. Er hat wenig Bedürfnisse, und das wäre sein geringstes: zu wissen, was an Stelle des Zerstörten tritt. Zunächst, für einen Augenblick zumindest, der leere Raum, der Platz, wo das Ding gestanden, das Opfer gelebt hat. Es wird sich schon einer finden, der ihn braucht, ohne ihn einzunehmen.
Der destruktive Charakter tut seine Arbeit, er vermeidet nur schöpferische. So wie der Schöpfer Einsamkeit sich sucht, muß der Zerstörende fortdauernd sich mit Leuten, mit Zeugen seiner Wirksamkeit umgeben. Der destruktive Charakter ist ein Signal. So wie ein trigonometrisches Zeichen von allen Seiten dem Winde, ist er von allen Seiten dem Gerede ausgesetzt. Dagegen ihn zu schützen, ist sinnlos. Der destruktive Charakter ist gar nicht daran interessiert, verstanden zu werden. Bemühungen in dieser Richtung betrachtet er als oberflächlich. Das Mißverstandenwerden kann ihm nichts anhaben. Im Gegenteil, er fordert es heraus, wie die Orakel, diese destruktiven Staatseinrichtungen, es herausgefordert haben. Das kleinbürgerlichste aller Phänomene, der Klatsch, kommt nur zustande, weil die Leute nicht mißverstanden werden wollen. Der destruktive Charakter läßt sich mißverstehen; er fördert den Klatsch nicht.
Der destruktive Charakter ist der Feind des Etui-Menschen. Der Etui-Mensch sucht seine Bequemlichkeit, und das Gehäuse ist ihr Inbegriff. Das Innere des Gehäuses ist die mit Samt ausgeschlagene Spur, die er in die Welt gedrückt hat. Der destruktive Charakter verwischt sogar die Spuren der Zerstörung.
Der destruktive Charakter steht in der Front der Traditionalisten. Einige überliefern die Dinge, indem sie sie unantastbar machen und konservieren, andere die Situationen, indem sie sie handlich machen und liquidieren. Diese nennt man die Destruktiven.Der destruktive Charakter hat das Bewußtsein des historischen Menschen, dessen Grundaffekt ein unbezwingliches Mißtrauen in den Gang der Dinge und die Bereitwilligkeit ist, mit der er jederzeit davon Notiz nimmt, daß alles schief gehen kann. Daher ist der destruktive Charakter die Zuverlässigkeit selbst.
Der destruktive Charakter sieht nichts Dauerndes. Aber eben darum sieht er überall Wege. Wo andere auf Mauern oder Gebirge stoßen, auch da sieht er einen Weg. Weil er aber überall einen Weg sieht, hat er auch überall aus dem Weg zu räumen. Nicht immer mit roher Gewalt, bisweilen mit veredelter. Weil er überall Wege sieht, steht er selber immer am Kreuzweg. Kein Augenblick kann wissen, was der nächste bringt. Das Bestehende legt er in Trümmer, nicht um der Trümmer, sondern um des Weges willen, der sich durch sie hindurchzieht.
Der destruktive Charakter lebt nicht aus dem Gefühl, daß das Leben lebenswert sei, sondern daß der Selbstmord die Mühe nicht lohnt.
anaximander - Mi, 11.11.2009 13:37 - Kommentar verfassen
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