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Nicht-Wissen-Wollen als Grundlage der Israel-Kritik

Von Chaim Noll - zugesandt von E.S.
"Seit einigen Jahren spricht man in Europa von einem „neuen Antisemitismus“. Zur Prägung des Begriffs führten der
neuerliche Anstieg judenfeindlicher Gewalttaten und die wachsende Hass-Propaganda gegen Israel. Träger der
europaweiten Bewegung sind vor allem Gruppen, die erst neuerdings als judenfeindlich wahrgenommen werden, zum
Beispiel die europäische Linke oder bislang ihrerseits für bedroht erachtete Minderheiten, vor allem Muslime.
Als traditionell judenfeindlich gilt in Europa die politische Rechte. Dagegen wurde der Judenhass der europäischen Linken
lange nicht als solcher wahrgenommen, auch nicht so bezeichnet. Linker Antisemitismus erschwert aus mehreren
Gründen seine Wahrnehmung: einmal, weil er sich hinter progressiven Parolen verbirgt („Solidarität“, „Befreiung
unterdrückter Völker“, „Kampf für Menschenrechte“), zum anderen, weil er sich vornehmlich als sogenannter
„Antizionismus“ geriert, als Opposition – im eigenen Sprachgebrauch „Kritik“ – gegenüber dem Staat Israel. Auch der
heutige islamische Judenhass entzündet sich scheinbar am Staat Israel, erstreckt sich jedoch darüber hinaus auf alle
Juden der Welt, die eo ipso als Handlanger des Zionismus gelten.
Aus mehreren Gründen ist „neuer Antisemitismus“ ein fragwürdiger Terminus. Zum ersten war das um 1860 in
Deutschland entstandene Wort „Antisemitismus“ immer missverständlich, da in Wahrheit Judenhass gemeint ist, nicht, wie
das Wort suggeriert, eine Aversion gegen „Semiten“. Im Rahmen dieser Begrifflichkeit – falls man ihr folgt – sind Araber,
heute die vehementesten Vertreter antijüdischer Ressentiments, gleichfalls „Semiten“. Um solche Verwirrungen zu
vermeiden, ist es zutreffender, statt von „Antisemitismus“ schlicht von Judenhass zu sprechen oder, wenn es unbedingt
wissenschaftlich klingen soll, von Antijudaismus.
Zweitens ist diese Art Judenhass nicht „neu“. Das Attribut reflektiert eher eine Wahrnehmungsstörung als die tatsächliche
Neuheit des Antijudaismus bei den in Frage kommenden Gruppen. In Wahrheit gehörte Judenhass sowohl bei der
europäischen Linken als auch im Islam von Anfang an zu den Grundzügen des Weltbildes. Die europäische Linke zeigte
judenfeindliche Tendenzen schon in ihrer Frühperiode, bei Charles Fourier oder Bakunin1, deutlicher seit ihrer
Herausbildung als Massenbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Karl Marx, selbst noch als Jude geboren,
später zum Protestantismus konvertiert, sah im Judentum das Symbol kapitalistischer Ausbeutung und Geldgier, wie er in
seinen Aufsätzen „Zur Judenfrage“ ausgeführt hat. Der Historiker Edmund Silberner stellt summarisch fest, dass „die
bedeutenden Sozialisten des 19. Jahrhunderts die Juden als Verkörperung sozialen Schmarotzertums betrachteten“2. Ein
zweiter Vorwurf, den linke Theoretiker früh gegen die Juden artikulierten, galt deren Festhalten an Tradition und
religiöser Überlieferung. Karl Kautsky, einer der Gründer der deutschen Sozialdemokratie, hielt das Judentum für eine
reaktionäre, konservativ beharrende Kraft, die um des gesellschaftlichen Fortschritts willen beseitigt werden müsse: „Je
eher es verschwindet, desto besser für die Gesellschaft und die Juden selbst.“3 Auch Wilhelm Marr, Gründer der „Liga der
Antisemiten“ im wilhelminischen Deutschland, kam bekanntlich aus der radikalen Linken.
Im Grunde sind dies die beiden wichtigsten judenfeindlichen Stereotype der europäischen Linken bis heute. Erstens:
Judentum als tragende Komponente einer sozial ungerechten kapitalistischen Ordnung – analog der Staat Israel als
„Vorposten“ eines westlichen Imperialismus gegen seine zu Opfern stilisierten islamischen Nachbarn. Zweitens: Judentum
als reaktionäres, den Forschritt hemmendes Potential, vor allem wegen seiner traditionalistisch-historischen,
gesetzesbetonten Orientierung. Die geballte Aversion linker Judengegner gilt daher religiösen Juden, etwa den Siedlern in
der Westbank. Sie sind für viele europäische Linke die Schuldigen am Nicht-Zustandekommen eines dauerhaften
Friedens im Nahen Osten, wenn nicht gar des Weltfriedens. Mehr noch: ein Symbol des Reaktionären, Fortschritt und
Frieden Hemmenden schlechthin. Religiöse Juden verkörpern am sichtbarsten eine im jüdischen Volk gewachsene
Neigung zu spiritueller Introvertiertheit und historisch motiviertem Nationalismus – gleichfalls mit linker Weltsicht
unvereinbare Positionen.
Trotz dieser in der Tiefe schlummernden Aversion gegen jüdische Ausprägungen, die bei Gelegenheit zu offenem
Judenhass ausbricht, bekennt sich die europäische Linke in einer fast deklamatorischen Weise gegen den Antisemitismus.
In der Tat widerstrebt eine Diskriminierung auf Grund „rassischer“ oder anderer angeborener Eigenschaften dem
egalitären Grundprinzip linker Ideologien. Im Zuge linker Bekenntnis-Prozeduren wird der Antisemitismus als ein auf die
politische Rechte beschränktes Phänomen dargestellt. Die Schuldzuweisung an den Gegner dient zugleich als Ritual
eigener Entschuldung. Da der Kapitalismus per se antisemitisch ist, so das argumentative Muster, können wir Linken,
seine entschiedensten Gegner, es unmöglich sein. Der autosuggestive Vorgang wiederholt sich periodisch in der
Geschichte der europäischen Linken, auch im osteuropäischen Staatssozialismus. Noch kurz vor Ende seines Regimes, in
dem die wenigen Juden ein klägliches, von der Staatssicherheit überwachtes Dasein fristeten, erklärte Erich Honecker
den Antisemitismus zu einem Symptom der „Ausbeuterordnung“ und die DDR zur „Heimstatt der Juden“.
Früh bekannte die europäische und russische Linke ihre Aversion gegen den Zionismus. In ihm sahen die Bolschewiki,
wie Trotzki 1934 schrieb, „eine Ablenkung vom Klassenkampf durch Hoffnungen auf einen jüdischen Staat unter
kapitalistischen Bedingungen“. Der bereits hier geäußerte Vorwurf, der Zionismus arbeite dem Kapitalismus in die Hände
– eine Neuauflage Marxscher und früherer sozialistischer Vorurteile gegen die Juden –, steigerte sich bald darauf zur
tödlichen Anschuldigung, etwa in den Schauprozessen gegen jüdische Kommunisten. Wegen „zionistischer Aktivitäten“
wurden Rudolf Slansky und andere Parteifunktionäre jüdischer Herkunft 1952 in Prag zum Tode verurteilt und exekutiert.
„Zionismus“ blieb von da an in der kommunistischen „Weltbewegung“ ein Drohwort und für viele andere Linke – für
manche bis heute – ein Pejorativ. Früh erschien auch das Motiv, der Zionismus sei ein Instrument kapitalistischer
Unterdrückung gegen den gerechten Befreiungskampf der palästinensischen Araber, so etwa 1931 in der von der
Kommunistischen Partei Deutschlands herausgegebenen Broschüre „Tag des Fellachen“4.
Der Staat Israel als Verhinderer des Friedens ist das am meisten verbreitete Stereotyp des „Neuen Antisemitismus“.
Nach entsprechender Vorarbeit durch europäische Medien nannten im Jahre 2003 – während der zweiten Intifada –
Befragte mehrheitlich (besonders in Frankreich und Benelux-Ländern) den Staat Israel „das größte Hindernis für den
Weltfrieden“. Zunächst wird bei solchen Anschuldigungen die Existenz zahlreicher anderer Kriegsherde in der Welt
einfach ausgeblendet. Ferner ist „Weltfrieden“ ein religiöser, messianischer Topos, ungeeignet als Schlagwort der
Tagespolitik. Ohne Frage ist Frieden ein wünschenswerter, erstrebenswerter Zustand, sogar allgemeiner, verbreiteter
Frieden, wie etwa allgemeine Gerechtigkeit oder allgemeine Gesundheit, doch weiß jeder erwachsene Mensch, dass
solche Zustände Ideale darstellen, deren praktische Umsetzung zwar immer wieder in der Geschichte angestrebt, doch
niemals erreicht wurde.
Dennoch legt eine Mehrheit der europäischen Linken die offensichtliche Unerreichbarkeit der Utopie „Weltfrieden“ allen
Ernstes dem Staat Israel zur Last. Und das in einer Region, in der kaum jemals Frieden geherrscht hat. In den letzten
anderthalb Tausend Jahren waren es vor allem islamische Kriege und Machtkämpfe, zunächst die grausamen
Eroberungs- und Vernichtungsfeldzüge der muslimischen Araber gegen ihre Nachbarvölker, die den Mittleren Osten in
ständige Unruhe versetzten. Seit dem siebten Jahrhundert, unmittelbar nach Mohameds Tod, beherrschen innerislamische
Kriege die Region, beginnend mit dem bis heute bestehenden Schisma zwischen Shiiten und Sunniten und
zahlreichen anderen Spaltungen und Feindschaften. Jahrhunderte lang bekämpften rivalisierende muslimische Dynastien
und Khalifate einander, Ismailiten, Fatimiden, Ayyubiden, Umayyaden, Abbasiden und andere. Immer wieder brach auch
der Hass zwischen verschiedenen Ethnien auf, die zwar alle den Islam angenommen haben, oft unter blutigem Zwang,
zwischen denen jedoch die alten Aversionen bis heute fortbestehen, wie zwischen Arabern und Türken, Arabern und
Persern, zwischen Persern und Türken, diesen und den Kurden etc. Das osmanische Reich, der letzte islamische
Großverband, zerbrach an inner-islamischen Unverträglichkeiten schon lange vor der Neugründung des Staates Israel.
Die islamischen Beduinenstämme der arabischen Wüste nahmen im Ersten Weltkrieg die Seite der Engländer – gegen
ihre türkischen Glaubensbrüder. Vor dem Hintergrund dieser blutigen Geschichte ist das in Europa verbreitete Stereotyp,
der Unfrieden im Mittleren Osten hätte mit der Neugründung des Staates Israel im zwanzigsten Jahrhundert begonnen,
schlicht und einfach Nonsens.
Es ist dennoch ein Eckpfeiler des „Neuen Antisemitismus“. Nichtwissen, auch Nicht-Wissen-Wollen, erweist sich als eine
der Grundlagen heute verbreiteter Israel-Kritik. Ihre argumentative Dürftigkeit ist oft verblüffend. Eine professionelle
Anti-Israel-Aktivistin wie die in der Sowjetunion ausgebildete, kürzlich mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz geehrte
Propagandistin Felicia Langer kümmert sich wenig um die historische Wahrheit oder gedankliche Logik ihrer in populären
Broschüren niedergelegten Anklagen. Sie weiß, dass es darauf nicht ankommt. Israel-Hassern geht es um emotionale
Wirkungen und Gemeinschaft stiftende Wir-Gefühle: Anti-Israel-Propaganda als Chiffre für generelles Unbehagen an
einer schlechten, von Kapitalisten, Unterdrückern der Völker und Zionisten beherrschten Welt. Solche Autoren
beschwören das Bild konspirativer Netzwerke nicht anders als die „Protokolle der Weisen von Zion“, die Nazi-Propaganda
oder die Anklageschriften kommunistischer Staatsanwälte gegen „zionistische Aktivitäten“ und „Kosmopolitismus“. So sah
sich der deutsche Politiker Jürgen Möllemann, ein typischer Vertreter des „Neuen Antisemitismus“, als Opfer von Mossad-
Umtrieben. Felicia Langer wähnt in der Bundesrepublik eine „jüdisch-zionistische Lobby“. Auch die Geschäftsführerin der
deutschen Grünen-Partei, Renate Künast, beschuldigte kürzlich in Berlin eine Gruppe Demonstranten gegen die atomare
Aufrüstung des Iran, vom israelischen Geheimdienst gesteuert zu sein.
Irgendwo, unbemerkt, an einer schwer zu bezeichnenden Stelle, geht diese Art „Israel-Kritik“ in offensichtlichen
Judenhass über, eine nach demokratischem Konsens verwerfliche Haltung. Für einen Augenblick herrscht Erschrecken,
Dementieren, Beteuerung prinzipiellen Wohlwollens gegenüber den Juden. Dennoch können linke Israel-Gegner, die sich
zu weit vorgewagt haben, des Wohlwollens ihrer Parteifreunde sicher sein. Die Äußerung des Grünen-Politikers Hans-
Christian Ströbele während des Golfkrieges 1991, der Staat Israel hätte die Raketenangriffe Sadams durch sein Auftreten
selbst verschuldet, haben seiner Karriere kaum geschadet. Linke Israel-Gegner sind sich darin einig, dass ihre Kritik an
Israel „legitim“ sei und keinen Judenhass bedeute. Im Gegenteil, man kritisiere den jüdischen Staat in hilfreicher Absicht.
Ein von Juden geleitetes Staatswesen neige nun einmal zu „alttestamentarischer Grausamkeit“, „unangemessener“
Vergeltung und Menschenrechtsverletzungen, weshalb es permanenter Beaufsichtigung durch fortschrittliche europäische
Kräfte bedürfe.
Dem iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad ist zu danken, dass er die direkte Verbindung zwischen den
Stereotypen linker Israel-Verurteilung (Israel ein „Apartheid-Staat“, seine Militäraktionen „Kriegsverbrechen“, sein
Umgang mit den Palästinensern – trotz deren enormem Bevölkerungswachstum – ein „Genozid“) und dem offenen Hass
auf das jüdische Volk ins allgemeine Bewusstsein gerückt hat. Ahmadinejad verknüpft die bekannten Stereotype linker
Israel-Kritik direkt und offenherzig mit dem Aufruf zur Vernichtung des jüdischen Staates. Er erspart sich die
umständlichen Tarnmanöver europäischer Israel-Gegner, die von sich behaupten, allenfalls Antizionisten, aber keine
Antisemiten zu sein und denen die Demontage des einzigen demokratischen Staates im Mittleren Osten ein
angemessener Preis erscheint, um ihre verjährten Vorstellungen von einer gerechteren Welt-Ordnung durchzusetzen.
Durch Ahmadinejad und seine zugleich anti-westlichen und judenfeindlichen Auftritte ist manches klarer geworden, was
im Nebel linker Hochherzigkeiten seine Kontur verloren hatte.
Der Antisemitismus der Linken unterscheidet sich von dem der Nazis vor allem darin, dass seine Vertreter leugnen,
Antisemiten zu sein. Die für Juden lebensbedrohliche – und damit fraglos antisemitische – Komponente linker „Israel-
Kritik“ zeigt sich in Situationen zugespitzter Bedrohung des Staates Israel. Die zweite Intifada, der gewaltige, letzte
Ansturm Arafats und seiner Anhänger gegen den jüdischen Staat, war für die meisten Israelis eine harte Zeit. Nicht nur
die täglichen Terror-Anschläge, die Störung des öffentlichen Lebens, die Sicherheitsmaßnahmen, die Gefahr, in der sich
jeder wusste, auch die ökonomische Krise, der Rückgang des Tourismus, der Verlust an ausländischen Investitionen, die
Ausgaben für Sicherheit und Kürzungen anderswo, die Fotos der gestrigen Terror-Opfer in den Zeitungen, junger
Gesichter meist, die Zunahme der Invaliden im Straßenbild. Niemand, der diese Jahre erlebt hat, wird sie vergessen. Und
niemand hier hat vergessen, wie die europäische Linke in diesem Augenblick Israel in den Rücken fiel. Mit einem
Trommelfeuer wohlmeinender Kritik, mit Solidaritäts-Visiten bei Arafat, mit Anklagen vor dem Gerichtshof in Den Haag,
mit Boykott gegen Israelis im Ausland, sogar gegen ganz unpolitische Wissenschaftler und Künstler. Wie zugleich mit den
Terror-Attacken in Israel auch in Europa der Judenhass wieder massenhaft und gewalttätig wurde: brennende Synagogen
in Frankreich und Belgien, Überfälle auf Juden in London, Berlin und Paris. An manchen Tagen schien es, als sei ein
weltweiter Pogrom in Gang gekommen.
Wie der Antisemitismus der Linken von Anfang an zu dieser Bewegung gehörte und folglich nicht „neu“ ist, erweist sich
auch der des Islam als tief verwurzelt und alteingesessen im Weltbild seiner Gläubigen. Allerdings ist der Judenhass des
Islam viel älter als der linke, und gibt sich – anders als dieser – ohne Scheu als solcher zu erkennen. Schon 1833, in
seiner in Frankfurt veröffentlichten Dissertation „Was hat Mohammed aus dem Judenthume aufgenommen“, hat Abraham
Geiger, der spätere Begründer des deutschen Reform-Judentums, ausführlich nachgewiesen, wie weitgehend sich
Mohameds Lehre aus biblischem Gedankengut nährt und zugleich die Träger des biblischen Konzepts, Juden und
Christen, bekämpft. Der Grund, warum sich Mohamed in seinen Predigten oder „Suren“ großzügig aus jüdischen und
frühchristlichen Quellen bediente, war nicht Liebe zur biblischen Lehre, sondern pragmatischer Art: „die Macht, die die
Juden in Arabien (in den ersten christlichen Jahrhunderten – Ch. N.) erlangt hatten“ und ihr Vorteil an „Kenntnissen“,
etwa politischen und sozialen Erfahrungen oder landwirtschaftlichen Methoden. Mohamed trug dem Druck seines
nomadischen Publikums Rechnung und vermischte das biblische Material, das er in seinen Predigten wie eine eigene
Offenbarung vortrug, mit alt-arabischen Lebensregeln und Traditionen, die nicht selten zu den biblischen Geboten in
direktem Widerspruch standen. Daraus erklärt sich die Inkonsistenz vieler koranischer Textpassagen. Das religiöse
Dilemma des Islam, der „tiefe und der Vermittlung unfähige Gegensatz“ zwischen dem Ehrenkodex der arabischen
Männergesellschaft und den ethischen Konzepten der Bibel, wurde von Ignaz Goldziher in seinen „Muhammedanischen
Studien“ ausführlich untersucht5. Die innere Unstimmigkeit des Textes versetze den muslimischen Gläubigen „in den
Zustand einer ständigen Krise“, befand einige Jahrzehnte später der Anthropologe Claude Levi-Strauss. „Der gesamte
Islam scheint eine Methode zu sein, im Kopf der Gläubigen unüberwindliche Konflikte zu schaffen, aus denen man sie
dann dadurch rettet, dass man ihnen Lösungen von sehr großer (jedoch zu großer) Einfachheit anbietet.“6
Eine dieser Lösungen ist der Judenhass, den schon der Religionsgründer selbst als Ausweg aus dem Dilemma vorführte.
Die in den heute vorherrschenden islamischen Auslegungen propagierte Lehrmeinung, die bloße Anwesenheit von Nicht-
Muslimen bedeute für Muslime eine Gefahr, stützt sich auf Sure 2,191, wo es heißt, die von „Ungläubigen ausgehende
Verführung ist schlimmer als Töten“. Sie wurde zu einem Leitmotiv islamischer Theologie, die von nun an den
gewaltsamen Angriff auf Juden, Christen und andere „Ungläubige“ als Akt der Verteidigung darstellt7. Auch hier ging der
Prophet mit seinem Beispiel voran, indem er im Jahre 628 die gesamte jüdische Bevölkerung Medinas abschlachten ließ.
Aus solchen und anderen Koran-Stellen schöpfen heutige islamische Bewegungen wie die Hamas mühelos ihre Aufrufe
zur Vernichtung von Juden („Zionisten“) und Christen („Kreuzfahrer“). Schon kurze Einblicke in fundamentales Schrifttum
zeigen die tiefe Verwurzelung islamischer Aversionen gegen Israel und Juden in den religiösen Quellen. Es fällt daher
leicht, im Koran legitimierende Stellen für moderne antisemitische Aktionen zu finden, wie es in der politischen Charta
der Hamas geschieht oder in der außenpolitischen Staatsdoktrin des iranischen Präsidenten Ahmadinejad, für den die
Vernichtung Israels das wichtigste Anliegen, geradezu den Schlüssel zur Verbesserung der Welt darstellt. So zitiert die
Charta der Hamas, um ihren weltweiten Kampf gegen die Juden plausibel zu machen, Sure 5, Vers 64 oder Sure 3, Vers
1188. Noch entscheidender ist das koranische Konzept einer aus dem herkömmlichen Rassismus ins Religiöse
gewendeten Segregation. Die generelle Unterteilung der Menschheit in zwei Klassen, „Gläubige“ und „Ungläubige“, die der
Koran vornimmt, bedeutet die Zurücknahme der biblischen Gleichheit aller Menschen vor dem Schöpfer und macht den
Islam zur einzigen der weltweiten Religionen, die offen Apartheid predigt.
Wenn von „neuem Antisemitismus“ die Rede ist, müssen auch Nazis und Rechtsradikale Erwähnung finden, deren
judenfeindliche Straftaten nach Berichten der zuständigen Ämter in Europa gleichfalls ansteigen. Europas „neuer
Antisemitismus“ ist ein mixtum compositum bekannter antijüdischer Stereotype verschiedener Provenienz. Sein
Nährboden mag überlieferter europäischer Judenhass sein – sowohl von links als auch von rechts –, doch fraglos ist die
Eskalation des „neuen Antisemitismus“ eine direkte Folge von Europas Islamisierung. Oder, allgemeiner ausgedrückt, der
zunehmenden Abhängigkeit Europas von islamischen Kräften, sei es inneren wie den islamischen Bevölkerungen, sei es
äußeren wie dem radikalen Regime im Iran, mit dem viele europäische Staaten wirtschaftlich eng verbunden sind.
Die fortwährende Dämonisierung der einzigen Demokratie im Mittleren Osten degradiert auch das demokratische System
als solches in den Augen der eigenen Bevölkerungen und der gesamten Welt. Judenhass ist ab ovo eine destruktive
Haltung. Sein Wesen beruht auf Verneinung und Aversion. Oft in der Geschichte war Judenhass der Beginn
weiterreichender Verachtungs- und Verneinungshaltungen, meist machte er nicht bei den Juden halt, sondern begann nur
bei ihnen, um sich dann gegen andere Gruppen und Strukturen der Gesellschaft zu richten, gegen Bewegungen der
Toleranz und Erneuerung. Eine Gesamtheit, die Antisemitismus duldet, zerstört ihr eigenes Immunsystem. Das bedeutet
heute im Besonderen die Beschädigung des komplizierten Systems humaner Regulierungen und Schutzvorrichtungen, auf
denen das Zusammenleben der modernen Demokratien beruht.
Europäische Demokratiegegner, etwa Neonazis, müssen sich von der ständigen Anti-Israel-Propaganda ermutigt fühlen.
Die Diffamierung Israels führt unweigerlich zur Aufwertung der undemokratischen, autoritären, teilweise unmenschlichen
Regimes seiner nahöstlichen Nachbarn und zur Legitimierung terroristischer Gruppen. Daher ist die Empörung linker
Kreise über das Anwachsen der Neo-Nazis weitgehend Heuchelei. Wen könnte es in Wahrheit überraschen, da doch junge
Muslime ungestraft ihren Judenhass ausleben dürfen und die europäische Linke ihren Hass auf Israel? Auch sie meinen
offensichtlich mehr als die Juden. Auch ihnen geht es um das System der europäischen Werte. Denn das ist der „neue
Antisemitismus“ seinem Wesen nach: ein Beitrag zur Selbstzerstörung Europas.
Chaim Noll ist Schriftsteller."
tin (Gast) - 31. Mai, 22:07

Sollen diese vielen Worte

den tödlichen Angriff auf den Gaza-Konvoi relativieren?

anaximander - 31. Mai, 23:50

Das glaube ich

kaum. Der linke Antisemitismus aber hat heute erreicht, was die Initianten wollten: Israel steht am Pranger.
Schoggo-TV - 1. Jun, 00:41

Re: "Sollen diese vielen Worte"

Jo, mir ist der Text auf zu lange gewesen - man hät's kürzer machen können: Gut, dass so Israel gehandelt hat!
tin (Gast) - 1. Jun, 08:07

Ach so,

Menschen zu töten ist "gut gehandelt"? Wir werden uns an diese Definition per Gelegenheit wieder erinnern.
Schoggo-TV - 1. Jun, 10:46

Re: "Menschen zu töten ist "gut gehandelt"?"
Es ist gut, dass Israel konsequent gehandelt hat.
Israel gab zuvor eine Alternative zur Löschung und zum Transport der "Hilfsgüter", was die "freidlichen Helfer" ablehnten.
Mein Gott, was bist Du win Trottel, tin, wenn Du liest, was Du lesen möchtest.
tin (Gast) - 1. Jun, 11:07

Ach so,

Menschen zu töten ist "konsequent gehandelt". Auch diese Definition wird man sich per Gelegenheit wieder erinnern.
anaximander - 1. Jun, 11:38

Was soll dieses

unsinnige Behaupten, tin? - Niemand ausser dir vermag solche stumpfsinnige Interpretationen in einen vorgelegten Text hineinzulesen. Behalt diesen Stuss doch einfach für dich.

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