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"Wille reicht nicht; Monster müssen bekämpft werden"

Melody Sucharewicz schreibt über die Antisemitismus-Studie, die "beunruhigende Resultate erbracht" hat.
    Diese wunderbare Statistik: sie wandelt unverdauliche Realitäten in trockene, überschaubare Fakten. Die kürzlich in Deutschland veröffentlichte Studie eines unabhängigen Expertenkreises beinhaltet 204 Seiten mit Statistiken über antisemitische Trends in Deutschland. So umfassend der Report - 2009 vom Bundestag in Auftrag gegeben -, so beunruhigend die Resultate.

    Zu den "Highlights" zählt, dass jeder sechste Deutsche der Meinung ist, "Juden haben in Deutschland zu viel Einfluss"; einer von acht denkt, dass "Juden an ihrer Verfolgung mitschuldig" sind; und 45 Prozent behaupten, "Juden reden immer noch zu viel über das, was ihnen während des Holocaust widerfahren ist".

    Der zehnköpfige Expertenkreis erklärt weiter, dass Israelkritik ohne zugrunde liegenden Antisemitismus existiert, diese "jedoch wesentlich häufiger mit antisemitischen Untertönen unterfüttert wird". Während also 80 Prozent der israelkritischen Deutschen sich keiner antijüdischen Argumente bedienen, befürwortet die Mehrheit derselben "neutralen Kritiker" "die eine oder andere antisemitische Stellungnahme".

    Eine weitere unverdauliche Zahl, die Zusammenhänge zwischen Antisemitismus und Israelkritik reflektiert: 44 Prozent der Befragten verstehen "gut", dass "bei der Politik, die Israel macht", man "was gegen Juden hat".

    Und: Fast 60 Prozent sind der Meinung, dass Israel einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser führt, während mehr als 40 Prozent finden, "was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben".

    Schockierend? Ja. Aber nicht neu. Manche Ziffern waren 2004 sogar noch höher: Mehr als die Hälfte der Befragten äußerten den Nazi-Vergleich.

    ISRAEL ALS AGGRESSOR DARGESTELLT

    Die Eruption von "Sekundär-Antisemitismus" (Holocaust-Leugnung oder -Relativierung) erwachte nicht zufällig während der zweiten Intifada. Deren Widerspieglung in den deutschen Medien stellte Israel meist als Aggressor und die Palästinenser meist als Opfer dar, mit wenig Berichten über den ursächlichen palästinensischen Terror und die zivilen Opfer in Israel. Die Moral von der Studien-Geschichte? Es muss Konsequenzen geben, sprich einen Paradigmenwechsel in Deutschland. Er betrifft zweitens Wahrnehmung und Wertung des latenten Antisemitismus und erstens seine gesellschaftspolitische Bekämpfung.

    Dieser Wandel der Wahrnehmung entsteht nicht im Vakuum und nicht von alleine. Er wird entweder gesellschaftspolitisch postuliert und als Staatsräson erneuert oder kommt brutal - neben dem von der Studie demaskierten Gesicht des Antisemitismus in Deutschland durch die Zwickauer Neonazi-Terrorzelle. Wie wichtig ein Wandel der Wertung geworden ist, zeigt sich auch in der verstörend niedrigen Performance zuständiger Behörden in der Prävention des Naziterrors.

    IRRWITZIGE HASSPROPAGANDA

    Hinzu kommt der Generationswechsel, der neben wohl ernsthaften Defiziten im Erziehungssystem eine weitere und schwer verdauliche statistische Zutat im giftigen Gebräu erklärt - letzten Monat in einer Studie vom "Stern" veröffentlicht: "Jeder fünfte Deutsche unter 30 kennt Auschwitz nicht." Ja, zwei Generationen nach 1945 ist eine schleichende Historisierung nicht zu verhindern. Nein, diese 20 Prozent sind durch nichts und niemand zu rechtfertigen, am allerwenigsten von der Kultusministerkonferenz.

    Nicht zuletzt spielt die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher in Deutschland eine wachsende Rolle: Täglich wird diese Gruppe durch türkische, arabische und iranische Medien mit irrwitzigster antisemitischer Hasspropaganda bombardiert. Im Zusammenspiel mit der oft einseitigen Nahost-Konflikt-Berichterstattung der deutschen Medien - ein Phänomen, das in so gefährlich enger Bindung zum Antisemitismusanstieg in Deutschland steht, dass der Expertenkreis dem Thema ein Kapitel widmete - ergibt das einen gefährlichen Cocktail.

    Es reicht nicht, den Antisemitismus in den Lehrplänen auf den historischen Kontext zu reduzieren. Das ist eine der kritischen Schlussfolgerungen der Studie, genauso wie diese beunruhigende hier: "Eine umfassende Strategie zur Bekämpfung des Antisemitismus in Deutschland existiert nicht."

    Das strategische Defizit berührt auch die Reaktion der jüdischen Gemeinden in Deutschland. Abgesehen von privaten Initiativen gibt es bis heute keine koordinierte Aktion, kein zentrales Büro, kein Management und keine Ausbildung jüdischer Jugendlicher. Die reflexartigen Klagen reichen nicht aus.

    Die gute Nachricht? Das kann sich ändern. In Angela Merkel und ihrer Regierung haben deutsche Juden einen authentischen Partner. Wenn die Kanzlerin sagt, sie wird Antisemitismus in Deutschland nicht tolerieren, meint sie es. Und hinter ihr steht eine kritische Masse an Staatsbürgen, die diese Haltung teilen.

    Statistiken bleiben nur dann abstrakte Ziffern, wenn politische, soziale und religiöse Anführer sie nicht als Alarmzeichen erkennen und aus ihnen Auslöser für Wandel machen: für eine proaktive, umfassende Strategie gegen Antisemitismus.

    Der komplexe Kontext, in dem deutsche Jugendliche über den Holocaust lernen, in dem sie ein Verhältnis zu den jüdischen Mitbürgern bilden, in dem sie ihre Meinung über Israel formen, verlangt mehr Kreativität, mehr Koordination, mehr Langzeitbudgets und mehr interdisziplinäre Synergien.

    Ein hoffnungsvolles, aber keineswegs ausreichendes Signal, ausgelöst durch die verstörenden Erkenntnisse über die Killer-Zelle, ist die von Bundesinnenminister Friedrich durchgesetzte Gründung eines Abwehrzentrums gegen Nazi-Terror - eine bürokratische Revolution für deutsche Verhältnisse.

    NEUE IMPULSE SETZEN

    Aber ähnlich wie bei Anti-Terror-Programmen gegen radikale Islamisten ist das nur die Spitze des präventiven Eisbergs. Es ist vielmehr die Sozialisierung der Jugend, die ausschlaggebend ist. Hier entstehen Werte- und Glaubenssysteme, hier erwachen religiöse, ideologische und politische Identitäten. Hier müssen Schulen, Eltern, staatliche und NGO-Programme - und die Medien - ein neues Paradigma internalisieren und gruppenspezifische Impulse setzen. Für eine Zukunft, in der die Zahlen hier oben nicht mehr oder minder als schlechte Science-Fiction sind.

    Es gibt keinen Zweifel an dem politischen und sozialen Willen in Deutschland diese unverdauliche Realität zu überwinden. Wille und Entrüstung aber reichen nicht aus. Monster müssen bekämpft werden.
Die Autorin Melody Sucharewicz ist Beraterin für politische Kommunikation in Israel und Deutschland. Dieser Artikel erschien auch in der israelischen Zeitung "Haaretz".
E.S.

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