Die Schweizer Schulen räumen dem Ramadan den ihm 'zustehenden' Platz ein, schaffen Weihnachten ab und feiern "Interreligiöses", was auch immer das sein mag, was auch immer das ist, selbst, wenn es nichts ist...
Ein Mädchen spielt auf dem Saxofon «Memory» aus dem Musical «Cats», der Schulleiter spricht zum Thema «Wo ist mein Platz?», eine Klasse singt auf Französisch von Papa Noël. Weihnachtsfeier im Schulhaus Pfaffechappe in Baden. Kein Wort von Christi Geburt, kein «O du fröhliche», kein Krippenspiel – aber Symbol für den neuen Typ Weihnachtsfeier, der in Schweizer Schulen Einzug gehalten hat: das interreligiöse Weihnachtsfest.
«In den letzten Jahren hat sich viel geändert», bestätigt Nic Kaufmann vom Aargauer Bildungsdepartement. «Die Schulen sind sensibler und weltoffener geworden, wenn es um das Thema Weihnachten geht und darum, die Religionsfreiheit der einzelnen Schüler nicht zu verletzen.» Will heissen: Aus Angst vor Protesten wütender Eltern, die anderen Religionen angehören, haben immer mehr Städte und Kantone christliche Elemente an Schul-Weihnachtsfeiern auf ein Minimum reduziert – oder ganz verbannt.
> BASEL-STADT: «Es gibt die Möglichkeit, die Weihnachtsfeiern in den Schulen interreligiös oder nicht explizit religiös zu gestalten», sagt Valérie Rhein vom Erziehungsdepartement. «Das kann bedeuten, dass nicht in einer Kirche, sondern an einem neutralen Ort, etwa in der Aula, gefeiert wird oder dass man Lieder aussucht, die für alle passend sind.» Was das heisst, zeigt sich im Basler Bläsi-Schulhaus. Dort feierten am Freitagmorgen 300 Kinder aus 30 Nationen Weihnachten – und sangen neben Liedern wie «Weisse Flocken fallen», «Zimetstern han i gern» und «O Tannenbaum» auch «Kumbaya» und türkische Hirtenlieder. «Wir bemühen uns um ein ausgewogenes Programm», sagt Schulleiter Jean-Michel Héritier.
> ZüRICH: Auch hier wird bei Weihnachtsfeiern grosser Wert auf religiöse Ausgewogenheit gelegt. «Zum Jahresausklang wollen wir wie sonst auch integrativ sein und nicht ausschliessend», sagt Patrick Pons vom Schuldepartement der Stadt. «Die Schulen machen deshalb nichts, was ausschliesslich christlich-religiös ist, sondern gestalten konfessionsübergreifende Weihnachtsfeiern.» Die Schüler singen neben traditionellen Weih-nachtsliedern neu auch mehrsprachige Lieder. Krippenspiele gibt es nicht mehr. Patrick Pons: «Wir leben schliesslich in einer multikulturellen Gesellschaft.»
> SCHWYZ: Selbst in der eher konservativen Zentralschweiz zeigt sich, dass Weihnachtsfeiern heute eine schwierige Gratwanderung sind. Hier gibt es zwar weiterhin christlich geprägte Feiern und sogar Krippenspiele, wie Bruno Wirthensohn, Leiter Abteilung Schulfragen, erklärt. «Weihnachten als Fest hat einen kulturellen Hintergrund in der abendländisch-christlichen Tradition», so Wirthensohn. «Das kann nicht einfach aus der Schule ausgeschlossen werden.» Doch auch er beeilt sich, zu sagen: «Werden Krippenspiele eingeübt, geht es nicht darum, den Glauben zu vermitteln. Vielmehr steht das Spiel im Zentrum. Eine Dispensation von Schülerinnen und Schülern wird im gegenseitigen Respekt gegenüber den verschiedenen Kulturen und Religionen vor Ort erteilt.»
DIE BEISPIELE zeigen: An vielen Schulen hat eine christliche Weihnachtsfeier keinen Platz mehr. «Sie ist heute ein Gemeinschaftsanlass, wo Religion keine grosse Rolle spielt», sagt Alexander Grauwiler, Geschäftsleiter Volksschulen in Baden. Man müsse aufpassen, mit religiösen Feierlichkeiten in der Schule keinen Keil zwischen Schüler und Eltern zu treiben. «Denn oft wollen die Kinder einfach mitmachen», so Grauwiler. «Aber manche Eltern möchten das nicht.»
Doch dem Himmelseidank, gegen diese neue Sensibilität regt sich Widerstand.
«Interreligiöse Weihnachten sind ein Widerspruch in sich, das geht einfach nicht», sagt Hanspeter Amstutz, Vertreter Volksschulen im Bildungsrat des Kantons Zürich und Ex-EVP-Kantonsrat. «Man kann Weihnachten nicht unchristlich feiern. Da wird in den Schulen mit der Rücksicht übertrieben.»
Das sehen mittlerweile auch Lehrer so.
«Vielleicht nehmen wir zu viel Rücksicht», sagt Stephan Mies, Schulleiter Oberstufe im Badener Schulhaus Pfaffechappe, selbstkritisch. Sogar bei den Schülern werde der Ruf nach deutschen Weihnachtsliedern wieder lauter. «Vielleicht sollten wir uns wieder mehr auf unsere Werte und Traditionen besinnen und sie mit mehr Selbstvertrauen leben und vertreten», so Mies. «Denn gerade Schüler, die aus anderen Kulturkreisen kommen, wollen unsere Kultur kennen lernen.»
Nach der interreligiösen Weihnachtsfeier im Schulhaus Pfaffechappe sind die Schüler begeistert. Und auch eine Mutter sagt: «Eine wunderschöne Feier. Ich weiss nur nicht, ob man das Ganze noch Weihnachtsfeier nennen sollte.»
Sonntag