Pilz bedroht globale Weizenernte
Und die EU-Kommissare und Minister scheinen nichts davon zu wissen - zu wollen...
- Ein neuer, hochansteckender Pilz breitet sich aus und bedroht weltweit die Weizenbestände. Zwei Jahre früher als erwartet hat sich der Erreger mit dem Namen Ug99 von Afrika nach Iran und möglicherweise bereits bis nach Pakistan ausgebreitet. Pakistan ist nicht nur zu einem grossen Ausmass von seiner Weizenproduktion abhängig, das Land ist auch das Einfallstor zu weiteren grossen Feldern Asiens. Alles in allem wären damit rund 20 Prozent der Weltproduktion an Getreide betroffen. Die Folge sind grosse Ernteausfälle, denn anders als in Europa oder Amerika stehen in den betroffenen Ländern Fungizide zur Bekämpfung von Schadpilzen kaum zur Verfügung.
«Der Pilz kann sich rasch verbreiten und hat das Potenzial, eine globale Getreide-Epidemie auszulösen», warnt der Direktor der Welternährungsorganisation FAO, Jacques Diouf. «Unter Umständen kommt es dadurch zu einer Erhöhung der Weizenpreise und zu lokaler oder regionaler Nahrungsmittelknappheit.»
UG99 IST ein hochansteckender Stamm des Schwarzrostpilzes Puccinia graminis, der beim befallenen Getreide die Epidermis der Pflanzenstiele zerstört und so zu erheblichen Ertragsverlusten führt. Er wurde 1999 in Uganda erstmals beobachtet, daher der Name Ug99. Seither breitete er sich weiter nach Kenia und Äthiopien aus und ist vergangenes Jahr auf die arabische Halbinsel nach Jemen übergesprungen.
Aufgrund früherer Verbreitungsmuster von Heuschreckenschwärmen hatten Wissenschafter erwartet, dass die Winde Ug99 über Ägypten, die Türkei und Syrien nach Iran weitertragen würden. Ein Wirbelsturm, der 2007 die arabische Halbinsel traf, änderte jedoch die Winde in der Region und blies die Pilzsporen zwei Jahre früher als erwartet nach Iran. Experten befürchten, dass auch Pakistan, wo die Überwachung von Pflanzenkrankheiten schlecht funktioniert, betroffen sein könnte.
Die zu erwartenden Ernteausfälle kommen in einem Moment, in dem die weltweite Weizenproduktion durch die grosse Trockenheit in Australien und erhöhte Nachfrage ohnehin unter Druck steht. Eine internationale Initiative (Global-Rust-Initiative) verfolgt die Entwicklung der Lage und sucht nach Lösungen. An einem Expertentreffen Mitte April in Syrien beriet man über Notmaßnahmen.
Die Wissenschafter hoffen, dass der Einsatz von Fungiziden die weitere Verbreitung verlangsamen oder gar stoppen könnte. Letztlich braucht es jedoch neue Weizensorten, die gegen Ug99 resistent sind. Nach Untersuchungen Tausender Weizen- und Gerstensorten stellte sich heraus, dass ein Grossteil der heute in Nord- und Südamerika sowie rund 80 Prozent der in Afrika und Indien angebauten Sorten gegenüber dem neuen Schädling anfällig sind. Forscher auf der ganzen Welt arbeiten an neuen Sorten. Allerdings wird damit gerechnet, dass noch fünf Jahre Züchtung nötig sind, bis solche Sorten verfügbar wären.
FORSCHER des International Maize and Wheat Improvement Center (Cimmyt) in Mexiko haben inzwischen herausgefunden, wie der gefährliche Ug99-Pilz überhaupt entstehen konnte. «Der grösste Teil Kenias war mit einer Weizenvariante bepflanzt, die nur über ein Resistenzgen gegen Rostpilz verfügte – wir empfehlen mindestens zwei», sagte Rick Ward vom Cimmyt gegenüber der Zeitschrift «New Scientist». Dies führte dazu, dass sich – ähnlich wie bei falsch benützten Antibiotika – Rostpilze durchsetzten, denen das Resistenzgen nichts anhaben konnte. Die kenianischen Bauern wechselten anschliessend zu einer anderen Weizenart mit einem anderen einzelnen Resistenzgen – mit der gleichen Folge. Heute ist Ug99 restistent gegen die drei wichtigsten Anti-Rostpilz-Gene, die in praktisch allen Weizen vorkommen, die weltweit angebaut werden.
In den 1950er-Jahren zerstörte eine Schwarzrostepidemie 40 Prozent der Sommerweizenernte Nordamerikas. In der Schweiz sind die Pilze sporadisch immer noch anzutreffen. Dario Fossati, Getreidezüchter an der Agroscope Changins-Wädenswil, glaubt nicht, dass die Schweiz von Ug99 direkt betroffen sein wird. «Ich sage damit nicht, dass es unmöglich ist. Immerhin handelt es sich um ein neue Rasse, und eine solche ist entsprechend unberechenbar», so Fossati. Auswirkungen sind hierzulande in erster Linie über steigende Getreidepreise zu erwarten.
anaximander - Mo, 14.04.2008 23:19 - Kommentar verfassen
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