Stumpfsinn
Wenn der Schriftsteller Reinhard Jirgl versucht, die Bücherverbrennung vor fünfundsiebzig Jahren mit mittelalterlichen Heilserwartungen und damit verbundenen Ritualen zu erklären, ist das imho nicht mehr als medienwirksame Eigenwerbung. Das bleibt so, auch wenn er daran erinnert, dass dies keineswegs die letzte Bücherverbrennung in Deutschland war: "Die Wochenzeitung Die Zeit berichtete am 15. Oktober 1965 von einem Geschehen auf den Düsseldorfer Rheinwiesen. Dort, zum Erntedankfest, verbrannten Mitglieder des 'Jugendbundes für Entschiedenes Christentum' (EC) neben Zeitungs-Pin-ups und Kinoreklamen auch Bücher von Erich Kästner, Albert Camus, Grass' 'Blechtrommel' sowie Nabokovs 'Lolita'. Dies, nach Meinung der EC, sei 'Schund- und Schmutzliteratur', Bücher voll brutaler, krimineller und sexueller Szenen; sie brächten die Menschen von Jesus ab. Zu den Flammen sangen die Jugendlichen, die aus Mittelstandsfamilien stammten, Lieder aus der 'Frohen Botschaft': 'Wir jungen Christen tragen ins dunkle deutsche Land ein Licht in schweren Tagen als Fackel in der Hand ...'"Die Bücherverbrennung vor 75 Jahren war von Goebbels initiiert und wurde vom akademischen Nachwuchs, der keineswegs bildungsfernen Schichten angehörte, dafür aber aus gutbürgerlichen und adeligen Häusern entstammte...
anaximander - Sa, 10.05.2008 11:42 - Kommentar verfassen
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