Die neue Dürrenmatt-Biografie
Der Weltwoche-Journalist Peter Rüedi legt mit "Die Ahnung vom Ganzen" die erste große Dürrenmatt-Biografie vor. Roger Köppel schreibt in der Weltwoche dazu
- Seit zwanzig Jahren arbeitete mein Kollege Peter Rüedi, nebenbei einer der besten Jazzkolumnisten des Abendlands, an seiner Biografie über den Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt (1921–1990). Das vollendete Monumentalwerk erscheint Ende diesen Monats im Diogenes-Verlag, dessen eben verstorbener Gründer Daniel Keel selber den Anstoss zu Rüedis Opus magnum gab. Es stimmt, was Julian Schütt im Magazin schrieb: Rüedi ist ein Wurf gelungen, auf Augenhöhe mit dem Gegenstand, weniger eine Biografie von Dürrenmatts Leben – das auch; sondern vor allem eine Biografie seines Denkens, das Literatur, Philosophie, Physik, Mathematik, Politik und Weltgeschichte zu Gleichnissen und fantastischen Bildern verarbeitete.
Friedrich Dürrenmatt war ein Dichter, der zwischen und über den Zeiten stand, einerseits scharfsichtiger Diagnostiker, zum andern ein Mann des Humors und der Ironie, bei dem sich am Ende alles in Gelächter auflöst nach dem Motto: «Nur das Nichtige hat Bestand».
Es gibt vermutlich keinen anderen Schriftsteller, der über schreckliche Dinge so witzig schreiben konnte wie Dürrenmatt. Die Apokalypse mischte sich bei ihm mit Heiterkeit, aus der trotz allem ein urchig-archaisches Weltvertrauen sprach, eine Ahnung davon, dass die Lage der Menschen zwar hoffnungslos, aber so ernst nun auch wieder nicht sei. Rüedi hat Dürrenmatt in all seinen Bezügen, Motiven, Brüchen und Widersprüchen erforscht. Seine Dürrenmatt-Biografie ist etwas vom Besten, was man über die Schweiz und einen ihrer wichtigsten Autoren lesen kann.
- «Dürrenmatt und die Schweiz» ist eine berechtigte, andererseits aber auch fragwürdige Themenstellung. Insofern nämlich, als dass Dürrenmatt mit Qualitäten wie «Heimat» oder «Beheimatung» nicht die Schweiz, sondern Bern meinte. Er hat sich jederzeit als Landberner verstanden. Das Bernische war dem Schweizerischen immer übergeordnet, es war quasi sein Mutterkuchen. Die Schweiz hingegen verstand er als Zweckverband, der glücklicherweise halbwegs gut und vernünftig funktionierte. Für alles, was darüber hinausging – Rütlischwur et cetera – hatte er nur Gelächter übrig; die Schweiz als Vaterland hat ihn nicht interessiert. «Ich ziehe ungern in einen Krieg, um das Funktionieren der SBB zu verteidigen», hat er mal gesagt.
anaximander - Fr, 23.09.2011 17:46 - Kommentar verfassen
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