Menschenrechte für Pflanzen
Seit 1992 gesteht die Bundesverfassung auch den Pflanzen eine Würde zu. Das ist Gentech-Kritikern nicht genug. Pflanzen gehören rechtlich auf dieselbe Stufe wie Tiere und Menschen, fordert die Gentech-Kritikerin Florianne Koechlin in ihren Rheinauer Thesen.
Es ist dies der Kampf zwischen Anthropozentrikern und Biozentrikern. Während Erstere den Menschen in den Mittelpunkt stellen und es ihm überlassen, welchen Wert er Pflanzen zuschreibt, gehen die Biozentriker davon aus, dass Pflanzen derselbe Wert wie dem Menschen zukommt.
- «Dürfen wir jetzt keinen Spinat mehr essen?», «Müssen wir den Nachbarn anzeigen, wenn er seine Zimmerpflanzen verdursten lässt?», «Dürfen wir in der Badi noch auf der Wiese liegen?»: Selten erntete ein Bericht so viel Häme und Spott wie jener der Eidgenössischen Ethikkommission für Biotechnologie im Ausserhumanbereich vom letzten April. Auch Viktor Giacobbo und Mike Müller widmeten sich in ihrer Late-Night-Show am Fernsehen genüsslich dem Thema: Vor laufender Kamera verspeisten sie «kleine Tomatenkinder».
Das war allerdings nur die Vorspeise. Am nächsten Samstag gibt die Gentech-Kritikerin Florianne Koechlin mit ihren Mitstreitern die «Rheinauer Thesen zu Rechten von Pflanzen» bekannt. Im Unterschied zu den schwammigen Empfehlungen der Ethikkommission fordert Koechlin konkrete Anspruchsrechte für Pflanzen ein: das Recht auf Fortpflanzung, das Recht auf Eigenständigkeit, das Recht auf Evolution, das Recht auf das Überleben der eigenen Art, das Recht auf respektvolle Forschung und Entwicklung sowie das Recht darauf, nicht patentiert zu werden.
AUS DIESEN RECHTEN folge jedoch nicht, betont Koechlin im Gespräch mit dem «Sonntag», dass Pflanzen nicht mehr gegessen oder verwendet werden dürfen. «So wenig wie den Tieren zugestandene Rechte bedeuten, sie grundsätzlich aus dem Ernährungskreislauf auszuschliessen.» Man wolle auch nicht das Häckseln oder das Rasenmähen verbieten. Aber man will die Pflanze neu positionieren. Näher zum Tier. Näher zum Menschen.
«Seit der Aufklärung spricht man Pflanzen die Würde ab und betrachtet sie als lebende Maschinen», ereifert sich Koechlin. Dabei verfügten Pflanzen über eine Art von Selbst und erlebten die Welt auf ihre eigene Weise. «Sie kommunizieren miteinander über Duftstoffe, lernen aus Erfahrungen und können sich erinnern», schreibt Koechlin in ihrem neuen Buch, «Pflanzen-Palaver», das am 6. September im Lenos- Verlag erscheint. Auch Mitunterzeichner Jürg Stöcklin, Professor am Botanischen Institut der Universität Basel, glaubt, dass «aus biologischer Sicht die Einzigartigkeit von Tieren nicht höher zu bewerten» sei als jene von Pflanzen.
Es ist dies der Kampf zwischen Anthropozentrikern und Biozentrikern. Während Erstere den Menschen in den Mittelpunkt stellen und es ihm überlassen, welchen Wert er Pflanzen zuschreibt, gehen die Biozentriker davon aus, dass Pflanzen derselbe Wert wie dem Menschen zukommt.
- Auch die Ethikkommission wies in ihrem Bericht jeder Pflanze einen eigenen Wert, eine Würde zu. Doch letztlich bleibt der Mensch das Mass aller Dinge. Er muss «eine Güterabwägung mit nachvollziehbaren Gründen» vornehmen. Konkret heisst das: Wenn sich auf dem Kinderspielplatz Brennnesseln ausbreiten, kommt das Wohl der Kinder vor den Brennnesseln. Und die Pflanzen dürfen guten Gewissens vernichtet werden.
anaximander - So, 31.08.2008 08:57 - Kommentar verfassen
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