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Tugenden

Montag, 21. September 2009

Alltags Heldentum

Im Merkur wird die Frage aufgeworfen, ob es in der Demokratie Helden geben könne.
    "Das Heroische ist keineswegs en vogue. Es wird aber seit Neuerem, wenn auch mit großer Vorsicht, wieder häufiger bedacht, am liebsten in seiner aktuellen Schwundstufe: dem »Helden des Alltags«. Das ist ein Zeitgenosse, der etwas Gutes tut, selbst wenn es unbequem für ihn wird, beispielsweise das Retten einer Katze aus einem Baum. Was unbedingt zu loben, aber vielleicht doch keine Heldentat im strengen Sinne ist. Die Popularität solcher Alltagshelden ist ein starkes Indiz für den herrschenden antiheroischen Affekt, und auch damit beschäftigt sich dieses Heft, jedoch geleitet von der Einsicht, dass es gerade das Unalltägliche ist, das den Helden ausmacht.
    Diese Einsicht hat zwei analytische Charakteristika: Das heroische Phantasma ist ein Protokoll unserer Imagination, es stillt, jenseits eines politischen Missbrauchs, ein anthropologisch-psychologisches Bedürfnis in allen Kulturen. Und es hat sich, von seinen archaisch-rituellen Anfängen über die antike Zivilisation bis zur europäischen Moderne, als Imago herausgebildet.
    Diese Konstante soll hier in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen dargestellt werden. Dabei zeigt sich, dass heroisches Verhalten, wenn es seinen Namen verdient und die Phantasie einer kulturellen Gemeinschaft anregt, keineswegs immer die »gute Tat« eines edlen Menschen sein muss.
    Es ist eher die Abweichung, die das Heroische kennzeichnet, nicht die Erfüllung einer vorgegebenen moralischen Norm. Und es ist auch nicht nur die Tat als solche, sondern der Gestus, die Kühnheit des Tuns, die uns das Heroische erkennen lässt.
    Die erste Abteilung des Heftes präsentiert ein Kaleidoskop des Heroischen, das in vielfältiger Perspektive die Bedeutung und Aktualität des Themas markiert – von der Zivilcourage Teheraner Demonstranten über den heldenfeindlichen Egalitarismus westlicher Massendemokratien bis hin zur Soziobiologie des Heroischen.
    In der zweiten Abteilung wird das Thema kulturhistorisch entfaltet in den Archetypen des Helden: Achill und Don Quijote, Satan und Dandy, Dichter und Denker – wobei nicht nur das Heroische in der Literatur, sondern auch in Musik und bildender Kunst behandelt wird.
    Die dritte Abteilung reflektiert den Helden in dem Medium, das ihn für die Gegenwart am stärksten geprägt und auf der ganzen Welt verbreitet hat: dem Film. Mit dem Verschwinden des Kriegshelden im 20. Jahrhundert ist es jetzt noch der Westerner, in dem die aggressive Heldenimago ihren Ausdruck findet, wenngleich die Comic-Heroen, wie sie im Cartoon, in Film und TV und Computerspiel endemisch geworden sind, wohl demnächst den einsamen Mann auf seinem Pferd zur abgelebten Figur machen und endgültig in der untergehenden Sonne verschwinden lassen.
    Die Abneigung gegen Heldentum ist keine Nebensache, sondern essentiell für postheroische Gesellschaften, und daraus resultiert auch der sprachpolitische Versuch, Zivilcourage als das nettere Wort zu lancieren. Denn der eigentliche Skandal des Heroischen wird im Laufe der Zeit nicht kleiner, sondern wächst: Man kann den Helden immer weniger dulden, weil er das Prinzip der Gleichheit radikal in Frage stellt – er ist eben kein Mensch wie du und ich. Das ist unverzeihlich, und deswegen sollen heutzutage Helden, wenn es sich nicht gerade um kindgerechte Supermänner oder brave Katzenretter handelt, nicht mehr bewundert, sondern nur noch entlarvt und destruiert werden. Aus Geschichten der Größe sind solche des Schwindels und der medialen Mache geworden. Wie man beides dialektisch verknüpft und ausgerechnet aus einer Entlarvungsgeschichte den Helden hervorzaubert, dieses Kunststück führt uns zum Schluss Bertolt Brecht vor.
    K. H. B. / K. S."
Einige Beiträge sind online abrufbar:
Lau, Jörg: Pathos des Eigensinns. Zivilcourage und Heldentum
Bolz, Norbert: Der antiheroische Affekt
Frevert, Ute: Vom heroischen Menschen zum »Helden des Alltags«

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